Predigten

Predigt und Gebet zum 1. Advent 2021

Pfrin. Andrea Grassmann

Herrenhuter SternWir feiern heute den ersten Advent und damit den Beginn eines neuen Kirchenjahres. Wir erinnern uns an das Kommen Jesu Christi in unsere Welt. Mit ihm ist die Verheißung Gottes wahr geworden, die der Wochenspruch für die kommende Woche nennt: Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.
Die erste Kerze am Adventskranz zeigt uns: Gott lässt uns nicht allein in dieser Welt, er kommt zu uns und bleibt auch über diese Welt hinaus bei uns. Er lasse seine Nähe spüren und hülle uns ein in sein Licht


Predigt über Jeremia 23, 5-8

Liebe Gemeinde,

die Sehnsucht ist groß, zu Beginn des Advents, in diesem Jahr, nicht nur in unserem Land. Die Sehnsucht nach besseren Zeiten; die Sehnsucht nach dem, wie es früher war: ein Advent mit Christkindlmarkt und Weihnachtsfeiern, mit vollen Kaufhäusern und Straßenbahnen, mit Besuchsstress, Weihnachtskonzerten und Theateraufführungen – wie sehr fehlt uns nun schon zum zweiten Mal das, worüber wir früher manchmal gestöhnt haben! Aber die Sehnsucht geht noch weiter: nach einem Winter mit Schnee, wie es ihn vor der Klimaerwärmung oft gegeben hat, nach Menschen, die wir geliebt haben und die nicht mehr da sind, für manche auch die Sehnsucht nach der Heimat und der Adventszeit der Kindheit, voller Wunder.
Und auch bei denen, die froh sind, die Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben, ist die Sehnsucht da: nach Freundschaft und Liebe, nach Sicherheit, nach Heilung, nach Glück und Gerechtigkeit.

Dabei muss man ja zugeben: unsere Lage ist unvergleichlich besser als die Lage der am polnischen Grenzzaun gestrandeten Geflüchteten, der ehemaligen afghanischen Ortskräfte und der kenianischen Mütter, deren Kindern der Hungertod droht. Unsere Situation ist auch zweifellos trotz aller deprimierenden Pandemie erträglicher als die der Israeliten zur Zeit unseres Predigttextes. Gut fünfeinhalb Jahrhunderte vor Christi Geburt existierte das Königreich Israel nicht mehr. Der größte Teil der Bevölkerung war geflohen oder ins Reich der Babylonier deportiert worden, das ursprüngliche Israel unter die Großmächte der damaligen Zeit aufgeteilt. An diese verstreuten Menschen richtet der Prophet Jeremia seine Worte:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR ist unsere Gerechtigkeit«. Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

In schwierigen Zeiten wird die Sehnsucht nach einem politischen Messias, einer politischen Erlöser- und Rettergestalt, groß und mächtig – bis heute. Kann unsere neue Regierung diese Sehnsucht stillen? Kann sie uns erlösen von unseren Ängsten, uns Wert und Würde verschaffen, ein gutes Leben garantieren und Gerechtigkeit schaffen?

Die wird oft schon in der Familie vermisst: Ist es gerecht, wenn die kleinen Geschwister genauso lang aufbleiben dürfen wie die Großen? Ist es gerecht, dass der große Bruder mehr Taschengeld bekommt? Ist es gerecht, wenn fast nur die Schwester im Haushalt hilft? Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit kennen schon die ganz Kleinen – und wie die Familie scheitert auch die Gesamtgesellschaft regelmäßig daran. Wer garantiert eigentlich Gerechtigkeit? Das Verfassungsgericht oder die Polizei, das Parlament oder die Gewerkschaften und Sozialverbände? Die meisten Menschen finden es gerecht, wenn alle anderen ihnen Recht geben, also ihre Meinung teilen und helfen, sie durchzusetzen. Doch in dem, was sie richtig und damit gerecht finden, sind die Menschen sich ja nicht einig. Wird es die neue Regierung schaffen, die verschiedenen Strömungen und Spaltungen, die in den letzten Jahren in unserem Land entstanden sind, wieder zusammenzuführen, die Bevölkerung zu einen, um endlich gemeinsam notwendige Maßnahmen zu ergreifen, so dass wir gut und sicher leben und wieder richtig Advent und Weihnachten feiern können?  

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Sproß erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Land üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda - das ist sozusagen ein Bundesland im alten Israel - geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.

Der Prophet Jeremia träumt noch von der Monarchie. Wir leben in einer Demokratie. Wird es Olaf Scholz, Robert Habeck, Annalena Baerbock und Christian Lindner gelingen, endlich Corona zu besiegen, den Klimaschutz voranzubringen und gerechte Lebensverhältnisse für alle zu schaffen? Werden sie die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen und uns das Heil bringen?

Der entscheidende Unterschied von uns heute Lebenden und den in Babylon gestrandeten Israeliten ist aber nicht die andere Regierungsform. Der große Unterschied ist: das Volk Israel erhoffte sich eine Verbesserung ihrer Lage nicht von den damals Herrschenden, sondern von einem direkten Eingreifen Gottes. Sie riefen zu ihm, dass er endlich den Retter schicken sollte, einen neuen König, der Heil und Segen mit sich bringen und Israel wieder sein Land und sein früheres Leben zurückgeben würde – eben einen Messias, einen Retter. Der sollte und würde dafür sorgen, dass das israelitische Volk wieder Rechte erhalten, Gerechtigkeit erfahren, Hilfe bekommen, Sicherheit verspüren könnte – und das sind die gleichen Sehnsüchte, die auch wir noch haben. Auch wir heute wünschen uns, dass wir den Mächtigen nicht egal sind, dass wir in unserem kleinen Leben wahrgenommen werden mit unseren Ängsten und Sorgen. Wir möchten im Frieden mit unserer Umgebung leben können; wir hoffen, dass wir nicht benachteiligt werden, im Alter ein sicheres Auskommen haben und menschenwürdige Pflege, wenn wir sie brauchen; wir wollen nicht verachtet werden und keine Gewalt fürchten müssen. All das erwarten wir von der Politik und es erscheint uns gar nicht so viel. Doch erfüllt haben sich die Hoffnungen in menschliche Macht nie. Und wir, die wir hier versammelt sind, wissen wie schon das Volk Israel: Wir brauchen dafür Gottes Hilfe, wir brauchen seinen Messias, dem Retter und Erlöser.

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Nachkommen erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Und dies wird sein Name sein: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.

Unsere Gerechtigkeit – in diesem Namen spiegelt sich die Empörung der Klimaaktivistinnen und der völlig überlasteten Pflegekräfte auf den Intensivstationen, die täglich erfahren müssen, dass Recht zu haben allein noch nichts bewirkt. Wenn wir aber zu denen gehören, die selbst Entscheidungen treffen dürfen und müssen, klingt auch noch etwas Anderes mit, nämlich das Wissen, dass es uns selbst nur selten gelingt wirklich gerecht zu sein. An beide, für die, die sich machtlos vorkommen und für die, die Macht haben, richtet sich die Verheißung des Propheten Jeremia: Es wird eine Zeit kommen, in der „Gerechtigkeit“ nicht mehr unterschiedlich und gegensätzlich definiert werden wird, sondern tatsächlich eine gemeinsame Erfahrung wird. Sie wird uns allen zuteil werden als gute Gabe Gottes.; in Deutschland, Belarus, Afghanistan, Kenia. Sie wird kommen, ganz anders als erwartet: nicht von Regierungsbänken, sondern als kleines, machtloses Kind in der Krippe. Seine Geburtsgeschichte ist eine Gegengeschichte zu allen politischen Erlösungshoffnungen. Er wurde nicht gewählt und nicht von den Menschen als König auf den Thron gesetzt. Auf einem Esel ist er in Jerusalem eingezogen, wie wir vorhin im Evangelium gehört haben. Wer ist der?, haben die Menschen gefragt. Er war verzweifelt erwartet, fröhlich gefeiert, verletzlich und unbewaffnet – und schließlich ohnmächtig sterbend. Doch er war der Heilskönig, der bis heute bei allen ist; bei denen, die an Covid schwer erkrankt sind, um Luft ringen oder schon im Koma liegen; bei denen, die sie aufopferungsvoll pflegen und dabei nicht fragen, warum sie sich nicht haben impfen lassen; bei denen, die den fröhlichen Trubel der Adventszeit so vermissen; bei den Einsamen; bei denen, die nicht wissen, wie sie die Miete oder die nächste Stromrechnung bezahlen sollen; bei den politisch Verfolgten, den Hungernden, bei allen. Jesu Geschichte hält die Verheißung und die verrückte Hoffnung wach, dass gegen allen Augenschein diese Welt noch lange nicht am Ende ist, weil Gott mit ihr noch nicht am Ende ist. „Gott ist unsere Gerechtigkeit“: Wir lassen uns nicht ausreden, dass die heutige Wirklichkeit nicht alles ist. Dass es noch mehr zu erwarten gibt, mehr zu spüren, mehr zu hoffen. Dass nichts so bleiben muss, wie es ist, dass alles besser werden kann als früher.
Es kommt die Zeit. Sie ist noch nicht da. Aber Gott verspricht: Trotz Dunkelheit um euch herum wird etwas licht und hell für euch werden. Dafür zu leben lohnt sich. Mitten in der Nacht beginnt der neue Tag. Er bringt die Hoffnung mit, dass das Leben neu werden kann. Leid, Not, Ungerechtigkeit und Unterdrückung werden nicht das Letzte sein, und all unsere Sehnsucht wird schließlich gestillt.
Mit dieser Hoffnung zu leben - das ist Advent.


Amen


Fürbitten

Allmächtiger, großer Gott,
wir danken dir, dass du uns entgegenkommst. Du suchst uns dort, wo wir wirklich sind. Du weißt, wie befrachtet die Adventszeit ist, mit Erinnerungen, mit Sehnsucht und auch mit Angst vor Leere und Einsamkeit.

Hilf, dass die Botschaft von deinem Kommen unser Herz anrührt; dass die, die Streit miteinander haben, offen werden, sich zu versöhnen; dass die, die gerade in diesen Tagen traurig sind, getröstet werden.

Lass dein Licht überall leuchten, wo Menschen sich im Dunkeln sehen: in Gefängnissen, in Heimen, in Krankenhäusern und an den verborgenen Orten des Elends in unserem Land.

Halte auf, die Leid verursachen und aus der Not anderer ihren Vorteil ziehen. Stärke uns, dass wir dem Unrecht wehren und das Gerechte tun, wo immer wir können.

Hilf deiner Kirche auf der ganzen Erde, dass sie bei deinem Wort bleibt und überall deine Wahrheit und deinen Frieden bezeugt.

Gib, dass wir uns in dieser Adventszeit hinwenden zu Jesus Christus, und in seinem Licht unseren Weg finden.
Wir vertrauen auf dein Erbarmen und deine Liebe.


Amen

 

 

 

 

 

Predigtarchiv:

(Kein Anspruch auf Vollständigkeit)