Predigten

Meditation und Predigt am 16. Sonntag nach Trinitatis 2021    

von Pfrin. Andrea Graßmann

Meditation

AdlerLobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: Der deinen Mund wieder fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

Wie ein Adler die Schwingen entfalten und Möglichkeiten entdecken, die in mir stecken.

Wie ein Adler wieder jung werden und mit Stärke und Kraft erfüllt sein.

Wie ein Adler die innere Schwere ablegen, innerlich weit werden und meine Flügel ausbreiten.

Wie ein Adler frei sein von allem, was hinunterzieht, was gefangen nimmt und behindert.

Wie ein Adler in die Weite fliegen und die Leichtigkeit fühlen, zu der ich berufen bin.

Wie ein Adler von den Winden emporgehoben werden, dem Himmel entgegen, der mir verheißen ist.

Wie ein Adler die Kraft meiner Schwingen entdecken, die mich über den Horizont hinaus tragen.

Wie ein Adler mich fallen lassen und mich getragen wissen, von einem, der mich hält.

Wie ein Adler dem Himmel gehören und nicht der Erde verhaftet bleiben.

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: Der deinen Mund wieder fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.
Aus: Stephan Goldschmidt, Meditative Abendgottesdienste
       

Predigt über Klagelieder 3, 22-26.31f

       Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.
       Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

            
Liebe Gemeinde,

ich hoffe, Sie haben das Bild aus der Meditation vorhin noch im Kopf: wie ein Adler, der sich vom Felsvorsprung hinabstürzt, die Flügel ausbreitet und wieder aufsteigt, hinauf ins Himmelsblau. Vielleicht haben Sie in diesem Sommer in den Bergen Ähnliches beobachtet. Möglicherweise haben Sie aber auch fasziniert den Seevögeln am Meer zugeschaut, die scheinbar schwerelos und ohne Angst vor der Weite über den Wellen schweben, getragen vom Luftpolster unter ihren Schwingen. Was trägt uns, jetzt angesichts der kommenden dunkleren und kälteren Jahreszeiten?
Sicher die eine oder andere Sommererinnerung. Der wird wiederkommen, so wie es uns Gott beim Bund mit Noah versprochen hat: solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Die Rhythmen des Lebens bleiben sicher und verlässlich.
Was ist aber, wenn in unserer Seele genau diese Grundsicherheit zerbricht? Wenn wir eben nicht absichtlich, wie ein Adler, sondern völlig unvorbereitet erleben müssen, wie uns der Boden unter den Füßen wegbricht?
Ich bin mir sicher, auch Sie beschäftigt immer noch das Schicksal der Bewohner*innen des abgebrannten Hauses in der Karolinenstraße. Ich weiß nicht, ob irgendjemand unter uns auch schon einmal eine vergleichbare Situation erlebt hat. Das muss natürlich kein Feuer gewesen sein – aber mit dem Verlust der Heimat mussten auch viele unserer Gemeindemitglieder schon fertig werden. Auch andere Schicksalsschläge können dasselbe verzweifelte und hoffnungslose Gefühl hervorrufen: eine schwere Krankheit, der Tod eines lieben Menschen, eine Kündigung, eine Trennung.
Was verhindert, dass wir dann gefühlsmäßig ins Bodenlose fallen? Was verschafft uns die Luft unter den sinnbildlichen Flügeln, die wir dann so dringend brauchen, um nicht abzustürzen? Wie kann die Verheißung des Propheten Jesaja in Erfüllung gehen: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Unser Predigttext erinnert uns an das Drama der Deportation von Teilen Israels nach Babylon. Die Betroffenen mussten mit ihrer Verzweiflung fertig werden, die Zurückgebliebenen auch. Würden sie einander und die Heimat je wiedersehen? Würden sie die Nähe Gottes wieder spüren, der doch ihrer Meinung nach in Jerusalem zu Hause war, vielleicht noch in Israel – aber doch nicht in Babylon? Die Menschen waren verunsichert, zweifelten an allem, was sie über Gott und seine Liebe zu ihnen gehört hatten, erwarteten sich nichts mehr von der Zukunft. Dabei fällt auf: sie zweifelten an Gottes guten Absichten, aber nicht daran, dass es ihn gibt und er sie hört. Sie beschweren sich bei Gott über ihre Lage, schleudern ihm bittere Klagen entgegen, konfrontieren ihn mit ihrer Wut über ihre Lage und dem Zorn über sein Nicht-Eingreifen. Das Buch der Klagelieder hat ihre Schreie gesammelt.
Unser heutiger Predigttext blendet allerdings diesen ganzen Hintergrund aus. Alles, was sperrig ist und nicht zu einer scheinbar frommen Rede vom immer lieben Gott passt, ist gestrichen. Nur noch Güte und Barmherzigkeit, Treue und Hoffnung, Freundlichkeit, Geduld und sogar ein „köstlich Ding“ bleiben über von einem Text, der vorher und auch nachher bitter klagt. Dabei würde dieses Buch voller Klagepoesie Menschen, die großes Leid erfahren müssen, sehr wahrscheinlich mehr helfen als eine Rede, die wirkt wie eine Zusammenstellung weisheitlicher Trostsprüche.

Ich kann es ja verstehen, dass man einer Gemeinde an einem schönen Herbstsonntag die Verzweiflungspoesie der Klagelieder nicht zumuten mag. Wer will schon hören, dass sich jemand fühlt, als würde ihm Gott den Kopf in den Dreck treten – so einige Verse nach dem Predigtabschnitt. Aber kommt Trost für schwer Leidende wirklich aus der Beteuerung, dass es Gott gut mit ihnen meint, auch wenn sie gerade gar nichts davon spüren? Ich erinnere mich noch an einen Mann, den ich vor vielen Jahren auf der Krebsstation im Klinikum besucht habe. Wir kannten einander nicht, und der Mann hat die ganze Zeit getobt: Mir geht es schlecht! Sag das gefälligst deinem Gott! Er soll mich hören! Etwas ändern! Warum tut er das? Warum lässt er mich hier so liegen? Bevor er sich zu sehr aufregte, kam die Krankenschwester mit einem Beruhigungsmittel. Aber er hatte ja Recht und seine Anklage hätte einen Platz in den Klageliedern verdient. Mir wird immer unbehaglicher, wenn wir Kirchen den Menschen, die hart getroffen sind von den verschiedensten Katastrophen des Lebens nur eine Art Beruhigungsmittel servieren: Habt nur Geduld, das wird schon wieder, Gott ist die Liebe und wird alles wieder gut machen. Viel zu viel ist ganz und gar nicht gut in unserer Welt. Viel zu viel droht, uns in die Tiefe zu ziehen.

Doch trotz alledem: unser Abschnitt aus den Klageliedern kann den gefühlten Fall abbremsen, auch wenn das Leid noch nicht überwunden und der Tod noch nicht endgültig besiegt ist. Er stellt ein Gebet dar, das Gebet eines Menschen, der keineswegs Gott gewiss ist und doch auf ihn hofft. Bis gerade eben war er wütend auf Gott, aber er ist noch längst nicht mit ihm fertig.
Und diese Person merkt dann plötzlich: sie bekommt wieder Kraft. Sie kann mit etwas Mühe ihre Flügel ausbreiten und spürt, dass sie gehalten und getragen wird. Der Absturz ins Bodenlose ist zu Ende. Das Leben geht weiter. Noch.
„Die Güte des Herrn ist´s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende“. Manchmal hatten wir wohl den Eindruck, Gott habe sich zurückgezogen und uns alleine gelassen mit Corona und anderen Krankheiten, Flutkatastrophen und Bränden, familiären und wirtschaftlichen Problemen. Doch dass wir ihn nicht gefunden haben, heißt nicht, dass er nicht da war. Martin Luther und seiner Zeit war er noch sehr vertraut, der „verborgene Gott"; lateinisch: der deus absconditus, den wir nicht mehr finden können und der uns scheinbar Unerträgliches zumutet. Die größte Leistung des Glaubens ist nicht, nie an Gott zu zweifeln, sondern auch ohne sichtbare Beweise der Verheißung zu vertrauen, dass er uns eines Tages wieder mit neuer Kraft beschenkt. Das heißt nicht, dass uns diese Kraft sofort zuwächst. Wenn versprochen wird: „die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft“ bedeutet das: man muss warten können, beharrlich sein – wenn´s sein muss, auch laut klagen. Wir müssen einige Zeiten ausharren, auch in Anfechtungen und Zweifeln. Doch wir dürfen hoffen – und bekommen schließlich auch Grund dazu:
Bei uns in Europa haben wir inzwischen das Coronavirus mit vereinten Anstrengungen ganz gut unter Kontrolle bekommen. Wir können wieder feiern – viele Taufen, Hochzeiten, Geburtstage, hier in der Gemeinde in den nächsten beiden Wochen sechs Konfirmationen. Großartige Fähigkeiten haben uns einen Impfstoff entwickelt, der das möglich macht. Eine Abordnung der Diakonie Augsburg hat in den Ferien eine Woche im Ahrtal geholfen, Schäden der Flut zu beseitigen. Die Bewohner*innen des Hauses in der Karolinenstraße erfahren Mitgefühl und ganz praktische Hilfe. Es gibt viel Hilfsbereitschaft in unserem Land und bei vielen Menschen ist sie – bewusst oder unbewusst – christlich motiviert. Gottes Güte und seine Barmherzigkeit wirken durch uns Menschen, und dem sollten wir uns nicht verschließen. Nicht dann, wenn wir Gottes Freundlichkeit, seine Güte und Barmherzigkeit weitertragen können und auch nicht dann, wenn wir selbst all dessen bedürfen. Das Leid vieler Menschen ist groß. Gottes Liebe und sein Erbarmen aber auch. Er lässt uns nicht mal im Tod fallen, sondern fängt uns auf und hebt uns hoch, in sein Reich. Lasst uns also, auch wenn´s schwer fällt, Geduld bewahren und die Hoffnung nie aufgeben.
Amen


Fürbittengebet

Wir danken dir, Gott, für dein Wort, dein Sakrament und die Gemeinschaft untereinander. Wir danken dir für deine Liebe und Geduld; für die Welt, in der wir leben, für deinen Sohn, auf den wir hoffen, für deinen Geist, den du uns schenkst.
Im Vertrauen auf deine Gnade bitten wir dich:

Gott, du bist uns nicht fern, auch wenn wir uns oft weit weg fühlen – von dir und deiner Macht. Wir danken dir für alle kleinen und großen Zeichen deiner Nähe.
Wir bitten dich heute für alle, denen ihr Leben nichts mehr wert erscheint und die es am liebsten wegwerfen würden: Bewahre sie vor Verzweiflung und Resignation und unbedachten Handlungen.

Wir bitten dich für alle, die sich und anderen Leid zugefügt haben: Schenke ihnen einen neuen Anfang und neue Kraft, gib ihnen Augen für die Schönheit des Lebens und der Menschen.

Wir bitten dich für alle, die von den Christ:innen und der Kirche enttäuscht sind und auch von dir nichts mehr erwarten: Du kannst ihnen begegnen und sie ganz neu begeistern.

Sei bei allen, die Schweres zu tragen haben oder unter der Last ihrer Verantwortung wanken: Steh ihnen bei, richte sie auf, zünde ihnen ein Licht in ihrer Finsternis an und führe sie zu einem vertrauensvollen und hoffnungsvollen Leben.

Segne uns als deine Gemeinde, damit wir fröhlich miteinander leben können und der Welt zum Zeichen eines lebendigen Glaubens werden. Durch Jesus Christus, unsern Herrn.

Amen

 

Predigtarchiv:

(Kein Anspruch auf Vollständigkeit)